1. Teil: Das digitale Schlachtfeld
Ein "Enthauptungsschlag" sollte den Irakkrieg beenden, ehe er begonnen hatte: 19. März 2003, 7.15 Uhr - US-Präsident Bush befiehlt den Angriff auf ein Haus in Bagdad. Saddam Hussein soll hier übernachten, das hatte die CIA von einem Informanten erfahren. Ein Tarnkappen-Bomber wirft über dem Ziel vier "Bunkerbrecher" ab, gleich danach schlagen dort 40 Tomahawk-Marschflugkörper ein, abgefeuert von der US-Navy im fernen Persischen Golf. Ein Volltreffer ins Leere. Saddam war nicht dort. Die Lehre: Auch Hightech-Waffen sind ohne verlässliche Informanten nutzlos.
Mit der Rekonstruktion dieses Fehlschlags beginnt die zweiteilige Dokumentation zum ersten Jahrestag des Krieges, der im Vorfeld Amerika und einen Teil seiner europäischen Verbündeten entzweit hatte. ZDF und New York Times Television schlagen eine Brücke. In diesem ersten Projekt einer größer angelegten Medien-Partnerschaft stellen sie gemeinsam dar, was schief gelaufen ist seit der Militarisierung der amerikanischen Politik.
Seit dem 11. September 2001 gibt die Bush-Regierung täglich eine Milliarde Dollar für die Rüstung aus. Der Krieg gegen den Terror hat im Pentagon auch eine Revolution des militärischen Denkens beschleunigt. Neben Abstandswaffen wie Raketen und Marschflugkörper setzt man jetzt auf kleinere, beweglichere Einheiten, bewaffnet mit technologisch hoch überlegenem Gerät und mit Informationen - das ist das Konzept der Transformation. Sie soll den "perfekten Krieg" möglich machen, von dem Politiker und Generäle schon lange träumen: klinisch sauber, schnell, sicher und siegreich - möglichst risikolos für die eigene Truppe und die Zivilbevölkerung.
Der Fortschritt in der Informationstechnologie macht Wissen zur Waffe. Aufklärung gab es schon immer, aber meistens waren die Informationen bereits überholt, wenn sie den Befehlshaber erreichten. Exklusive Bilder aus einer ultrageheimen Militäranlage in Washington, der National Geospatial Intelligence Agency NGA, machen das neue Konzept deutlich. Hier laufen alle Informationen von Satelliten, Sensoren und unbemannten Raumfahrzeugen zusammen, die jeden Winkel der Erde erfassen und in exakte Karten umsetzen können.
Die NGA ist vernetzt mit den Geheimdiensten, militärischen Kommandostellen, Waffensystemen und den Soldaten im Kampfgebiet. Mit ihrem PC im Sturmgepäck können sie sich jetzt jederzeit ein genaues Lagebild machen. Die Militärs sprechen von netzwerk-zentrierter Kriegsführung. Exklusive Einblicke in die Labors der Waffenentwickler, Szenen vom Krieg und vom Kampf gegen den Terror und aufwändige 3-D-Grafiken veranschaulichen den technologischen Sprung des schlichten G.I. Joe zum "Daten-Soldaten". Im Irak sollte Amerikas neue Hightech-Armee demonstrieren, wie sie ein unliebsames Regime schnell und siegreich beseitigen kann - mit oder ohne Verbündete. Und sie gehorcht einer neuen aggressiven Strategie. Die Bush-Regierung ist bereit, die überlegene Schlagkraft zu nutzen, bevor der Feind zuschlägt - mit einem vorbeugenden Angriff.
Aber gibt es eine militärische Lösung gegen den Terror? Und werden die widerspenstigen europäischen Verbündeten im Irak doch gebraucht?
2. Teil: Sprengsatz für das Bündnis
"Shock and Awe", Schock und Furcht von Anfang an zu verbreiten, das war das Ziel der amerikanischen Strategen im Irak. Der Blitzangriff in den ersten beiden Tagen mit Tausenden von angeblich treffgenauen Bomben auf militärische Anlagen sollte die Iraker überzeugen, dass Widerstand zwecklos ist, dass sie ihre Waffen wegwerfen oder gegen Saddam richten sollten. Zerstört wurden damit aber auch die letzten Hoffnungen in Berlin und Paris, den uneinsichtigen Bündnispartner USA doch noch von einem Krieg abhalten zu können, der längst beschlossene Sache war.
Wie aber haben Beteiligte diese ersten Kriegstage erlebt, während die Welt CNN sah? Was fühlten die Iraker in Bagdad, als um sie herum die Bomben einschlugen und das eigene Fernsehen immer noch Saddams Sieg verkündete? Was hat ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner beobachtet? Haben die amerikanischen Präzisionsbomben tatsächlich nur militärische Ziele getroffen?
Eine Ernüchterung für technologiegläubige Militärs war die blutige Schlacht von Nasaria. Ein kleiner Verband der Marines gerät in einen Hinterhalt. Sie melden ihre Position an das Kommandozelt zwei Kilometer entfernt. Dort verfolgen die Kameraden die Szene auf Computerschirmen und rufen nach Unterstützung aus der Luft. Die Vernetzung funktioniert. Im Kommandozentrum in Saudi Arabien beobachtet man die Szene ebenfalls am Videoschirm. Kampfflieger steigen auf. Auf einem U-Boot im Persischen Golf wird ein Marschflugkörper zum Abschuss vorbereitet. Inzwischen sind Jäger und Bomber, Hubschrauber und Drohnen auf dem Weg, ein ganzes Arsenal von Hightechwaffen. Doch die eingeschlossenen Marines können die Hilfe nicht abrufen. Die Angreifer sind entweder zu nahe bei ihnen oder zwischen Zivilisten in Deckung gegangen. Trotz aller technologischer Überlegenheit bleibt den Marines nur der Kampf Mann gegen Mann - zwölf von ihnen sterben.
Der Film zeichnet nach, wie sich der Krieg im Irak veränderte. Die Amerikaner kämpfen bald nicht mehr gegen eine Armee, gegen ein klares Ziel, sondern gegen kleine Gruppen von Widerständlern. Plötzlich müssen sie sich verteidigen, müssen sie etwas riskieren, um die versteckten Feinde aufzuspüren. Eine Taktik, auf die sie nicht vorbereitet wurden und für die die technologische Kriegsführung beinahe wertlos ist. So sterben fast täglich Amerikaner im Irak durch Bombenleger, Selbstmordattentäter, Schüsse aus dem Hinterhalt.
Und die US-Truppen wurden auch nicht darauf vorbereitet, nach dem Krieg den Frieden zu gewinnen. Wiederaufbau, Nation-Building, das haben sonst die Europäer übernommen. Der Film zeigt, wie die deutsche Bundeswehr in Afghanistan für Ruhe sorgt. Wird sie es irgendwann auch im Irak tun?
Noch bestehen die konträren Auffassungen weiter, die das Bündnis belastet haben - über die Rolle der Gewalt als Mittel der Politik, über die Strategie des vorbeugenden Angriffs, über den Alleingang, über den Krieg ohne Legitimation durch die UNO.
Derweil rüsten auch die Europäer technologisch nach. Gehen die Verbündeten künftig getrennte Wege? Treibt die militärische Übermacht Amerika weiter in den Unilateralismus? Dort arbeitet die Industrie bereits an einer ultimativen technologischen Option für die Strategie des vorbeugenden Angriffs. "Falcon" heißt das Projekt - ein Marschflugkörper, der vom amerikanischen Boden aus in höchstens zwei Stunden jeden Punkt der Welt erreichen kann. Eine Waffe, die Feinde und Freunde Amerikas beunruhigen wird. Denn Verbündete braucht Washington dafür nicht mehr.
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